Metaphern in der Sexualkultur

von Gerhard Tiemeyer

Das Dampfkesselmodell gehört zu den im Alltag wohl üblichsten – und übelsten – Erklärungsmodellen. Es ist ein Energiemodell und ein Kontrollmodell.

Die Dampfmaschine, die Lokomotive faucht und stampft als eine kulturtypische Metapher des 20. Jahrhunderts nicht nur in Freuds Kopf herum. Die Dampfmaschine konkurriert mit älteren Metaphern aus der Tierwelt. Der Jäger und das Reh, der Räuber, das ‚Biest‘ und die Jungfrau, die tierischen Balztänze und viele Frauen meinen bis heute, wilde Pferdemänner zähmen zu müssen. Ist dieses tierische Triebmodell immerhin auf Beziehung angelegt, so ist die Dampfmaschine eine auf
sich selbst bezogene Technik, die gesteuert und genutzt werden muss.
Als Erleben des eigenen Körpers ist es dieses Modell Symbol einer technischen Kontrollgewalt und Symbol der Bedrohung durch Explosionen. Für Beziehungen ist die technische Optimierung in dem Modell angelegt. Die ersten ‚Aufklärungs-‚Filme enthielten dieses Modell des gegenseitigen Aufheizens, Vorspiel genannt, und der Technik, Höhepunkte ‚hin‘ zu bekommen. Wechselweise werden die PartnerInnen zu BedienungstechnikerInnen
sexueller Energie. Über ‚Technik‘ kann man auch
‚offen‘ und ‚ungehemmt‘ und zugleich ‚ehrlich‘ reden, mit einigen Fachbegriffen kann man auch Wunschgeständnisse ‚austauschen‘. Das mag
in vielen Situationen ein guter Schritt für das Verändern festgefahrener (auch eine Technikmetapher) Situationen sein. Inzwischen habe ich zunehmend den Verdacht, dass andere Metaphern, sinnlichere, poetische Erzählweisen hilfreicher sein könnten.

Ein Schlüssel zur genussreicheren Sexualität – oder besser einer Sexualität ohne leidvolle Nebenwirkungen – ist sicherlich sexuelles Erleben
mit dem eigenen Körper. Nur, wer die eigene Berührung genießen kann, kann mit anderen Menschen Berührung tanzen. So zum Beispiel in einem Interview mit Ilan Stephani, das in unserer Liste empfohlen wurde und die aus meiner Sicht sehr schön gesundheitspraktisch Sexualkultur
reflektiert. (bei youtube gibt es diverse Gespräche mit ihr). Auch im Erleben des eigenen Körpers – besonders hier, ist die entstehende Bilderwelt von größter und folgenreicher Bedeutung. Die Bilderwelt kann man sich vorstellen wie eine Art Brücke zwischen der vollkommen autonomen Welt der psycho-somatischen Dynamiken, autonome Programme nennen dies viele, und der Welt des Denkens, des Bewertens und des Willens.

Mal angenommen es gäbe so etwas wie Anregungen für Pubertierende und solche, die es mal wieder erleben wollen. Wie könnte die aussehen? Sicherlich ‚technisch, die Art der Berührung, des Atems, vielleicht auch Anregungen für Musik und Düfte. Allerdings um diese ‚technischen‘ Anregungen zu beschreiben bedarf es bereits Metaphern, bedarf es Bilderwelten, mit denen das sinnliche Erleben der Haut, der Muskeln, der Organe erzählt werden kann. Der Dampfkessel sollte out sein. Die normale Pornowelt auch. Diese benutzt alle möglichen Metaphern, allerdings im Rahmen des Diktats der Weltreligion von Erfolg und Leistung. Suchtmachend ‚befreit‘ sie ohne wirkliche, d.h. wirksame, Zufriedenheit.

Tantrische Sichtweisen bieten sich an. Soweit ich sie verstehe folgen auch sie dem Energiemodell, d.h. Sexualität wird zu allererst als Energiesteigerung sinnlich dargestellt. Dann allerdings wird diese Energie nicht in einen Kessel gepackt sondern sie wandert in den Raum, in einen sich entspannenden Raum. Auf diese Grundmetapher des Raumes gehe ich unten weiter ein. In den Gesprächen und Texten finde ich überwiegend eine unmittelbare Nutzung der Energie für ein ‚Aufsteigen‘. Zum Beispiel: „Eigentlich sollten wir in unserem Penis ein geflügeltes Ross sehen, auf dem wir dem Himmel entgegenfliegen. …“ oder: „… Wenn wir die höheren Ebenen des Orgasmus erreichen, treten wir dabei in meditative Räume ein, in denen wir mit unserem ganzen Sein aufgehen.
In diesem Zustand fühlen wir keinen Impuls zum Samenerguss: Es besteht keinerlei Notwendigkeit mehr, die angesammelte Energie auszustoßen, da sie andere Wege gefunden hat. Und trotzdem „halten“ wir nichts zurück.“ Das klingt und ist schön für alle, die es nach oben reizt und die fliegen mögen und Selbstauflösung. Mir persönlich behagt die Einseitigkeit der Richtung ‚nach oben‘ nicht so recht.

Eine andere Metapher, die ich kennengelernt habe ist die der Befreiung. Aus dem ‚Charakterpanzer‘ ausbrechen schrie der Bioenbergetik’therapeut‘, Grenzen überschreiten, Ketten sprengen usw. Diese Art Katharsismethode der Befreiung ist zunächst negativ an das Bild der Ketten gebunden und sie erzählt noch keine Alternative, was nach der Befreiung geschieht. Das erhöht die Risiken für Abhängigkeiten von denen, die ‚es‘ dann wissen oder die schnelle Rückkehr in Gewohntes. Jede Form schneller oder sehr intensiver Erlebnis- und Bewusstseinserweiterung birgt diese Risiken.
Weit verbreitet ist auch die pflanzliche Bilderwelt. Die Gedichte von Samira Tschepe sind hierfür wunderschöne Beispiele, das ‚Hohe Lied in der Bibel‘ ebenso. Allerdings wirkt diese Bilderwelt nur bei denen, die diese pflanzliche Sinnlichkeit ‚kennen‘ oder sich durch die Poesie einladen lassen, sie zu ersinnen. Die Bilderwelt von Flüssen, Fluten, Wasserfällen und sich brechenden Wellen wurde in alten Filmen oft verwendet, um sexuelles Erleben metaphorisch anzudeuten. Das Erzählen sinnlicher Erfahrungen mit dem ‚Spiel‘ von Elementen, Erde, Wasser, Feuer, Luft ist eine Art Grundfähigkeit, die für viele Menschen wie ein Tor oder ein Medium intensiver schöner Erfahrungen sein kann. Naturdynamik eignet sich auch eher dafür, in einer Beobachtungsposition zu kommen. ‚Ich‘ beobachte, spüre Erde, Feuer, Luft, Wasser und anderes. Freilich diese Beobachtung ist zwiespältig. ‚Ich‘ kann auch überschwemmt, weggeweht, verbrannt, begraben werden. Gilt es, Dämme zu bauen oder die Natur’gewalten‘ zu bannen? Oder gilt es, mit der Natur mit zu gehen, sich untergehen und
wandeln zu lassen?

Das wären ‚alte‘ männliche oder weibliche Vorgehensweisen. Oder, und das ist auch bekannt seit uralten Zeiten, kann ‚ich‘ mit den Gestalten der Natur reden und verhandeln und sogar ‚spielen‘? Diese dialogische Beziehung ist meines Erachtens die, in der Mensch und Natur miteinander sich entwickeln können. Im Bereich sexuellen Erlebens beginnt dies zum Beispiel dann, wenn Yoni und Lingam zu eigenen Persönlichkeiten werden.
Die Imagination, d.h. unsere poetische Kompetenz erfindet den Körper als PartnerInnen, die ein Eigenleben haben, mit denen man durch Berührung und Worte sprechen kann, die mal wild sind, mal verletzt, mal dieses, mal jenes wünschen und sogar ihre eigenen Phantasien erzählen können. Hier können auch technische Wesen auftauchen, ein sprechender Dampfkessel vielleicht, der sich verwandeln kann in einen Riesen oder einen See. In der Imagination und im Dialog mit Phantasiegestalten ist Wandlung die typische wundersame Dynamik. Wenn man lernt, oder die kindliche Fähigkeit reaktiviert, die Gestalten und Welten ‚ernst‘ zu nehmen im Spiel, dann entfalten diese aus sich heraus Geschichten, die manchmal auch ‚Sterben‘ und Wieder Geborenwerden erzählen. Und dann, in einem guten Moment, kann auch das ‚Ich‘ sich hingeben oder umgekehrt den Kräften erlauben, ihn und sie mit zu nehmen. Dann hält ‚Ich‘ die Klappe. Zur guten Zeit kann ‚Ich‘ sterben und etwas später wie ‚neugeboren‘ belebt worden sein.

Sprachbilder sinnlichen Erlebens sind zunächst eine Beziehung ‚von mir‘ zu ‚mir‘. Es ist nicht beliebig, welche Art Bilderwelt ‚ich‘ im sinnlichen Erleben benutze oder gestalte. Diese Beziehung zu mir wird auch Teil der Beziehung zu anderen Menschen auf der Ebene zwischen automatischem Körpererleben und Nachdenken mit gestalten.


Autor: Gerhard Tiemeyer
Zur Entstehung des Text: In die Mailingliste der GesundheitspraktikerInnen für Sexualkultur hatte ich die Frage eingegeben, ob oder wie es Alternativen zum Dampfkesselmodell in der männlichen Sexualität gibt. Es gab viele sehr anregende Rückmeldungen, die Grundlage der folgenden Überlegungen sind.
Gesundheit.

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